Agile Führung – das Allheilmittel?

Versuch einer Einordnung

Die Trainer- und Beraterszene ist eine Branche, die wie jede andere Branche auch eine Nachfrage benötigt. Gibt es nicht alle zwei Jahre ein neues Thema, ist die Branche arbeitslos. Kunden wollen zu aktuellen Themen trainiert und beraten werden. Das derzeitige Modethema heißt Agilität. Agiles Projektmanagement, agile Führung, agiles Lernen. Agilität heute und vor allem morgen für die Zeit mit und nach Corona. Wer nicht agil ist, ist out. Agilität bedeutet erst einmal Beweglichkeit. Die beiden Hauptcharakteristika agilen Handelns sind ein iteratives Vorgehen und kontinuierliche Optimierung.

Beweglichkeit in Kombination mit hoher Geschwindigkeit ist und war übrigens immer schon ein Erfolgsfaktor, wenn schnell und flexibel auf sich verändernde äußere Bedingungen reagiert werden musste. Erfolgreiche Firmen waren immer dann über viele Jahrzehnte erfolgreich, wenn sie kreativ waren und agil agierten.

Agilität in der IT-Entwicklung

Die heutige Modellbranche für agiles Projektmanagement ist die IT-Entwicklung. Diese Branche ist gekennzeichnet von einer hohen Geschwindigkeit, hoher Komplexität, synchroner Hardware- und Softwareentwicklung und einem sehr hohen Datenumschlag. Ob alles auch zum Nutzen der Gesellschaft ist, ist eine andere Frage. Wirtschaftlich erfolgreich ist die Branche ohne Zweifel. In diesem Umfeld hat das „alte“ klassisch linear strukturierte Projektmanagement in der Tat ausgedient. Kleine flexible operative Einheiten, selbstständige und hochkompetente Mitarbeiter, die dem Ganzen verpflichtet sind, eine SCRUM-Methodik und ein Arbeiten mit SPRINTS und schnellen Zwischenergebnissen kann hier erfolgreich sein und macht den Mitarbeitern Spaß. Dass solche Entwicklungsteams auch anders geführt werden müssen, mit Vertrauen in die Spezialisten und mit subsidiären Entscheidungskompetenzen versteht sich fast von selbst. Das Kind wird jedoch mit dem Bade ausgeschüttet, wenn solche Arbeitsprinzipien als Allheilmittel ausgerufen werden und gleichzeitig die agile Führung das Maß der Dinge sein soll.

Agilität immer und überall?

Lassen sich die Prinzipien der IT-Entwicklung wirklich auf den Flugzeugbau oder die Arzneimittelentwicklung mit ihren über 12-jährigen Entwicklungszeiten übertragen? Klinische Erprobungen neuer Substanzen am Menschen müssen sorgfältig durchgeführt werden und brauchen Zeit. Der nächste Entwicklungsschritt kann erst dann angegangen werden, wenn valide Ergebnisse aus den Voruntersuchungen vorliegen. Alles anderes wäre gegenüber den Studienpatienten ethisch nicht vertretbar und darüber hinaus ökonomisches Harakiri. Agilität ist immer dann eine geeignete Organisationsform, wenn die Endziele sich verändern können und der Weg zum Ziel noch nicht ganz klar ist. Wenn zusätzlich eine hohe Komplexität in Ziel und Weg vorhanden sind. Sind Ziel und Weg jedoch völlig klar, wäre agiles Tun eine unnötige Verkomplizierung. Braucht man Expertenwissen für den Weg, hilft Agilität auch nicht. Handelt es sich um chaotische Systeme, zum Beispiel bei unvorhersehbaren Situationen, in denen Troubleshooting angesagt ist, siehe die Bekämpfung der aktuellen Corona-Pandemie, hilft auch keine agile Organisation, sondern nur die Strategie: Handeln, Beobachten, Agieren. Also gibt es für Agilität einen ziemlich genau beschreibbaren Anwendungsbereich.

Der Mensch als Herausforderung für agile Arbeitsformen

Die zentrale Herausforderung für agiles Arbeiten ist jedoch der Mensch selbst. Es gibt eben nicht nur selbstständige Mitarbeitende, sondern auch Berufsanfänger*innen, die an die Hand genommen und begleitet werden müssen. Es gibt auch Mitarbeiter, die bei hohen Geschwindigkeiten überfordert sind. Das Konzept der Situativen Führung mit verschiedenen Führungsstilen, die eine Führungskraft beherrschen muss, und die situativ entsprechend des Entwicklungsgrades des Mitarbeiters eingesetzt werden sollen, stammt übrigens aus den 1960er-Jahren.

Eine mögliche Lösung: Weg vom Hype mit Modebegriffen – hin zum Menschen.

Der Mensch ist mit seinen Wünschen, seinen Möglichkeiten und seinen Grenzen wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Primat der Personalität heißt das. Weiterhin sind die Mitarbeitenden so weit wie eben möglich auch bei Entscheidungen subsidiär einzubeziehen. Gemeinsame Visionen und Missionen fördern das solidarische Arbeiten, das als sinnvoll und nachhaltig empfunden werden soll und dem Gemeinwohl dient. Führungskräfte, die in einem solchen System arbeiten, haben mit großer Verantwortungsbereitschaft dafür zu sorgen, dass tragfähige Visionen vorhanden sind, die jeder kennt. Ein zentraler Fokus muss die permanente Personal- und Organisationsentwicklung sein. Das Ganze dazu auf einem hohen professionellen Kommunikationsniveau.

In Zeiten von VUCA-Welten braucht es trotzdem Orientierung und ein Gerüst – übrigens ein typisch menschliches Bedürfnis.  Dieses Gerüst ist nicht mehr die Schulterklappe mit Amtsautorität und zwei Vorzimmern, sondern das sind reflektierte Handlungen und akzeptierte Werte, die als Leitlinie dienen können. Führungskräfte in einem solchen System müssen begründungssicher und integer sein. Werteorientierung und Integrity Leadership sind in jedem Fall umfassender als reine Agilität.

Autor/Autorin

Dr. Peter Hügelmeyer war viele Jahre Mitarbeiter, Führungskraft und Vice President in Industrieunternehmen. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Business School für Management & Vertrieb München BSM GmbH. Er arbeitet als Referent, Autor und Unternehmensberater sowie als Trainer und Moderator in den Bereichen Führung und Kommunikation. Seine Ausbildung absolvierte er in Bonn mit einer Promotion in Zellbiologie und an der Domschule Würzburg in Katholischer Theologie.

Autor: Peter Hügelmeyer

Dr. Peter Hügelmeyer war viele Jahre Mitarbeiter, Führungskraft und Vice President in Industrieunternehmen. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Business School für Management & Vertrieb München BSM GmbH. Er arbeitet als Referent, Autor und Unternehmensberater sowie als Trainer und Moderator in den Bereichen Führung und Kommunikation. Seine Ausbildung absolvierte er in Bonn mit einer Promotion in Zellbiologie und an der Domschule Würzburg in Katholischer Theologie.

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