Einerseits – Andererseits

Ein Denk- und Verhaltensmodell in Coronazeiten

Manfred Schmidt, Abteilungsleiter im Marketing eines Consumerkonzerns, fragt sich derzeit immer wieder. Wie verhalte ich mich jetzt richtig? Was tue ich, was lasse ich? Wie gehe ich selbst mit meiner Ungewissheit um? Wie komme ich meiner Führungsverantwortung nach? Er sucht den für sich selbst richtigen und stimmigen Weg.

Eine mögliche Herangehensweise könnte das Konzept der integren Führung bieten. Es bedeutet unter anderem, auf der Basis reflektierter Werte eine permanente Güterabwägung vorzunehmen. In dem Dreieck Mitarbeiter – Unternehmen – Entwicklung von Menschen und Organisation ist permanent so zu entscheiden, dass das Resultat in Summe dem Ganzen am meisten dient. Nur, was heißt dies jetzt ganz konkret für das eigene Verhalten? Wenn viele Unwägbarkeiten bestehen, braucht es eine Richtschnur, an der man sich orientieren kann. Neben den eigenen Werten als übergeordnetes System könnten es auf einer konkreten Ebene zum Beispiel zwei Denk- und Verhaltensmodelle sein: „einerseits – andererseits“ und „sowohl – als auch“. Beide haben sich gerade auch in der aktuellen Pandemiezeit sehr bewährt.

Einerseits haben viele Menschen depressive Verstimmungen, andererseits entwickeln sie eine erstaunliche Kreativität dabei Lösungen zu finden. Einerseits sind sie Vater/Mutter und gleichzeitig verantwortlich für das Homeschooling von überdrehten und lustlosen Kindern, die ihre Freunde gerade nicht treffen sollen. Andererseits sollen sie der weitblickende Chef oder die Chefin sein, die empathisch für die Mitarbeitenden da ist und Orientierung gibt. Einerseits tragen Führungskräfte Verantwortung für Mitarbeitende, andererseits aber auch für die Organisation. Einerseits sollen sie personal agieren und die Mitarbeitenden in den Mittelpunkt des Geschehens setzen, andererseits soll aber auch die Organisation ganz funktional zusammengehalten werden. Und teilweise widersprechen sich die Anforderungen und Wünsche sogar, die an Führungskräfte gestellt werden. Dies kann nicht nur herausfordernd sein, sondern auch überlasten.

Die Suche nach dem richtigen Weg beginnt mit der trivialen Erkenntnis, dass es neben Schwarz und Weiß auch viele Grauschattierungen gibt. Der richtige Weg ist oft nicht im „entweder – oder“ zu finden, sondern im „sowohl – als auch“. Zuallererst muss man akzeptieren, dass auch sich scheinbar widersprechende Situationen oder Rollen gleichzeitig „wahr“ sein können und nebeneinander existieren. Auch gibt es oft nicht nur eine einzige richtige Lösung. Daher ist jetzt nicht die Stunde der Prinzipienreiter und derjenigen, die schon immer genau den einen richtigen Weg kennen. Jetzt ist die Stunde derjenigen, die flexibel sind, professionelle Entscheidungsstrategien beherrschen, die andere einbeziehen können, die tolerant auch bei Ansichten sind, die sie nicht teilen, und die die Kardinaltugend des Maßes in der Praxis leben können. Gelebtes Maß und Mäßigung meint aber nicht Mittelmaß oder Mittelmäßigkeit, sondern es handelt sich darum, absolute Extreme bewusst zu vermeiden, aus der Erkenntnis, dass einseitige Extreme in den allermeisten Fällen nicht die Realität abbilden. Widersprüchlichkeiten sind ein Kennzeichen unserer Realität. „Sowohl – als auch“ und „einerseits – andererseits“ sind beides: Denk- und Methodenkompetenz. Sich selbst von Absolutismen loszulösen, flexibel zu sein, trotzdem eine eigene Position zu haben, und bei Entscheidungen die Mitarbeitenden einzubeziehen, damit lassen sich erstaunliche Effekte erzielen. Probieren Sie es einmal aus.

Autor/Autorin

Dr. Peter Hügelmeyer war viele Jahre Mitarbeiter, Führungskraft und Vice President in Industrieunternehmen. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Business School für Management & Vertrieb München BSM GmbH. Er arbeitet als Referent, Autor und Unternehmensberater sowie als Trainer und Moderator in den Bereichen Führung und Kommunikation. Seine Ausbildung absolvierte er in Bonn mit einer Promotion in Zellbiologie und an der Domschule Würzburg in Katholischer Theologie.

Autor: Peter Hügelmeyer

Dr. Peter Hügelmeyer war viele Jahre Mitarbeiter, Führungskraft und Vice President in Industrieunternehmen. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Business School für Management & Vertrieb München BSM GmbH. Er arbeitet als Referent, Autor und Unternehmensberater sowie als Trainer und Moderator in den Bereichen Führung und Kommunikation. Seine Ausbildung absolvierte er in Bonn mit einer Promotion in Zellbiologie und an der Domschule Würzburg in Katholischer Theologie.

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