Entscheiden können

Von der Philosophie für die Führung lernen

Führungskräfte müssen entscheiden. Dies gilt erst recht in Krisensituationen mit vielen Variablen und offenen Fragen. Entscheiden ist wichtig, nur an welchen Kriterien kann man seine Entscheidung ausrichten? Entscheidungen im Unternehmen, in der Politik, in jeder Gemeinschaft haben immer mit Gerechtigkeit zu tun. Gerade hierüber lamentieren viele, da sie angeblich mit ihren Interessen nicht angemessen bei einer Entscheidung berücksichtigt wurden. Ein Beispiel aus der Corona-Diskussion: Wieso haben wir Einschränkungen, die anderen dürfen doch auch …? Hier müssen die Überlegungen ansetzen, da es viele verschiedene Formen von Gerechtigkeit gibt.

Formen der Gerechtigkeit

Die Verteilungsgerechtigkeit wird bei der Frage herangezogen, wer soll was warum bekommen? Gerecht wäre demnach eine faire Verteilung. Bei der Bedarfsgerechtigkeit wäre gerecht, wenn jeder das bekommt, was er braucht. Hingegen bei der Leistungsgerechtigkeit nur das, was er sich erarbeitet hat. Bei der Generationengerechtigkeit, der sozialen Gerechtigkeit, der Gendergerechtigkeit und der Chancengerechtigkeit soll in erster Linie niemand benachteiligt werden. Diskutiert ein Vertreter der Bedarfsgerechtigkeit (Jeder soll das bekommen, was er braucht; im politischen Bereich wären das die Befürworter von Mindestlöhnen) mit einem Vertreter der Leistungsgerechtigkeit (im politischen Bereich zum Beispiel bei neoliberalen Wirtschaftsansätzen) wird die Diskussion unhandlich, wenn nicht vorher geklärt wird, an welchen Maßstäben man sich überhaupt orientieren will. Jeder empfindet verschiedene Dinge als gerecht. Das gilt in der Politik wie in Unternehmen gleichermaßen.

John Rawls

Der 2002 verstorbene Philosoph John Rawls hat hierzu einen interessanten Denkansatz entwickelt. Ihm ging es zwar primär um gesellschaftliche Gerechtigkeit. Dennoch lässt sich der Ansatz durchaus auf Unternehmen übertragen. Er orientierte sich an zwei Grundsätzen: Jeder hat das gleiche Recht auf Autonomie und persönliche Freiheit, sofern dies mit der Freiheit aller vereinbar ist. Die Grenze hierbei ist, dass Selbstgerechtigkeit für sich selbst oder die eigene Gruppe/Abteilung etc. nicht die Gerechtigkeit für alle ersetzen darf. Sonst leidet die ganze Organisation oder Gesellschaft. Zum anderen sind für Rawls Ungleichheiten zulässig, wenn sie mit dem größtmöglichen Vorteil für diejenigen verbunden sind, die am wenigsten begünstigt oder privilegiert sind. Maximale Gleichheit für alle ist für ihn eine Illusion.

Der Schleier des Nichtwissens

Auf diesen Prinzipien entwickelte er das Entscheidungsmodell mit einem „Schleier des Nichtwissens“. Entscheidungen sollen nach Rawls so getroffen werden, als ob man nicht wisse, welche spätere Rolle man in der Gesellschaft/Organisation einnehmen werde. Entscheidungen sollen damit unabhängig von der Rolle getroffen werden, die man momentan hat. Bezogen auf die Pandemie hieße das, man soll sich vorstellen, dass man von der Entscheidung möglicherweise als Patient auf der Intensivstation oder als Arzt, als Pflegekraft, als Politiker, Virologe, Gastwirt oder als Jugendlicher, der gerne feiern möchte, betroffen wäre. In Unternehmen sollen die Führungskräfte so entscheiden, als ob man nicht wisse, ob man später als Mitarbeitender, Führungskraft, Geschäftsführer, Inhaber/Aktionär oder Kunde hiermit leben müsse. Eine solche Entscheidungsstrategie setzt zum einen voraus, dass man willens und fähig ist, sich in andere Sichtweisen hineinzuversetzen und zum anderen, dass im Rahmen einer Güterabwägung bei der Entscheidung alle Interessen angemessen berücksichtigt werden. Ein hehrer Anspruch, weil wir oft sehen, dass mächtige Entscheidungsträger ihre eigenen Anliegen und Sichtweisen forcieren und nicht das immer das Ganze im Blick haben. Den eigenen Egoismus im Zaum zu halten, erfordert Mäßigung, Größe und Reife.

Fairness und Motivation

Viele Unternehmen, die sich in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten auch dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen und sich dieses Denken in der Führungsphilosophie und im fairen Miteinander im Unternehmen widerspiegelt, haben übrigens sehr hohe Werte in der Mitarbeitermotivation und -zufriedenheit. Diese Mitarbeitenden sind gerade auch in Krisenzeiten bereit, sich über das normale Maß hinaus für ihr Unternehmen einzusetzen – weil sie sich gerecht behandelt fühlen?

Autor/Autorin

Dr. Peter Hügelmeyer war viele Jahre Mitarbeiter, Führungskraft und Vice President in Industrieunternehmen. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Business School für Management & Vertrieb München BSM GmbH. Er arbeitet als Referent, Autor und Unternehmensberater sowie als Trainer und Moderator in den Bereichen Führung und Kommunikation. Seine Ausbildung absolvierte er in Bonn mit einer Promotion in Zellbiologie und an der Domschule Würzburg in Katholischer Theologie.

Autor: Peter Hügelmeyer

Dr. Peter Hügelmeyer war viele Jahre Mitarbeiter, Führungskraft und Vice President in Industrieunternehmen. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Business School für Management & Vertrieb München BSM GmbH. Er arbeitet als Referent, Autor und Unternehmensberater sowie als Trainer und Moderator in den Bereichen Führung und Kommunikation. Seine Ausbildung absolvierte er in Bonn mit einer Promotion in Zellbiologie und an der Domschule Würzburg in Katholischer Theologie.

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