Kamera an!

Hürden im Umgang mit der Kamera bei Video-Calls

Die Führung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die im Homeoffice arbeiten, ist anspruchsvoll und hat eigene Herausforderungen. Die Grundprinzipien sind zwar einfach: mehr Vertrauen in die Mitarbeitenden, weniger Kontrolle, mehr Begleitung und neue Arbeitstechniken wie Online-Kommunikation. Die konkrete Umsetzung ist dagegen gar nicht einfach, weil Gewohnheiten und Verhaltensweisen verändert werden müssen.

Bemerkenswert ist, dass nach einem Jahr Corona die Nutzung der Kamera während Online-Besprechungen für viele (noch) nicht selbstverständlich ist. Dafür gibt es allerdings nachvollziehbare Gründe:

  • Es ist keine Video-Call-Etikette etabliert

Es muss zur Video-Call-Etikette gehören, dass kommuniziert wird, was bezüglich der Kameranutzung erwartet wird. Zusätzlich müssen Führungskräfte dafür sorgen, dass sich jeder daran hält. Es gibt zwei Optionen: Alle nutzen die Kamera oder keiner nutzt sie! Hält man sich nicht an diese Vereinbarung, gibt es Asymmetrien und Unwohlsein.

  • Die Kamera versteckt nichts

In einem Video-Call wird man intensiv beobachtet. Dies ist kein böser Wille. Oft ist der Bildausschnitt zu klein und damit erscheint der Kopf sehr groß. Das hängt mit der Technik zusammen und die meisten Mitarbeitenden werden damit umgehen können. Manche aber auch nicht. Emotionen und die momentane persönliche Verfassung werden über Mimik und Körpersprache transportiert und können vor empathischen Führungskräften und Kolleg*innen nicht versteckt werden. Das hat aber auch Vorteile, wenn das Gegenüber damit präsenter wird.  

  • Das Umfeld wird sichtbar

Die Kamera gibt Einblick in das private Umfeld. Die Grenze zwischen Arbeitsplatz und persönlichem Wohnraum verschwimmt. Nicht jeder ist bereit, seinen Kolleginnen und Kollegen diesen Einblick zu gewähren. Zur Abhilfe bieten viele System virtuelle Hintergründe an. Der Nachteil ist allerdings, dass man hierfür schnelle Datenleitungen benötigt. Solche virtuellen Hintergründe kosten Bandbreite. Eine Alternative sind einfarbige und neutrale Hintergründe. Ein großes Tuch tut es zur Not auch.

  • Aufmerksamkeit ist gefordert!

Die Kameranutzung erfordert Aufmerksamkeit beim Video-Call, denn Beschäftigung mit anderen Aufgaben „nebenher“ werden über die Kamera von den anderen wahrgenommen. Mindestens als Unhöflichkeit, oft aber auch als störend. Die erhöhte Aufmerksamkeit kann Meetings aber auch effektiver machen.

  • Kamera muss gelernt werden

Gerade wenn der Einsatz der Kamera noch ungewohnt ist, kann es passieren, dass das Gegenüber still wird – das kann unangenehm sein. Professionelle Moderatoren entspannen die Situation dadurch, indem sie sie einfach ansprechen.
Die Kommunikation ist generell langsamer. Ausgeschaltete Mikrophone, die bei großen Gruppen zur Reduzierung von störenden Nebengeräuschen empfehlenswert sind, müssen aber auch bei spontanen Anmerkungen immer erst angeschaltet werden. Generell gilt: mehr Disziplin – weniger Spontanität. Hinzu kommt das Phänomen, dass wir in unserem Kulturkreis gewohnt sind, den anderen beim Dialog anzuschauen. Wenn wir das beim Video-Call auch tun, schauen wir aber auf den Bildschirm und nicht in die Kamera. Das Gegenüber erlebt dies dann als weg- oder an ihm vorbeischauen.

Die genannten Punkte produzieren verständliche innere Widerstände, die respektiert werden sollten. Gleichzeitig sollen Führungskräfte ihren Mitarbeitenden helfen, die inneren Hürden zu überwinden und sich für eine optimale und vertrauensvolle Kommunikation einsetzen.

Folgende Maßnahmen haben sich dabei bewährt:

  • Schon in der Einladung zum Video-Call sollte deutlich gemacht werden, dass die Kameranutzung vorausgesetzt wird.
  • Wenn möglich, sollte ein Moderator oder eine Moderatorin definiert werden, die für Struktur und fokussierte Teilnahme sorgt.
  • Führungskräfte sollten grundsätzlich respektieren, dass sich MitarbeiterInnen bei Video-Calls unwohl fühlen könnten. Daher hilft es, Gespräche mit unverfänglichen, offenen Fragen zu beginnen und so eine angenehme „Kommunikationsumgebung“ für die MitarbeiterInnen zu schaffen.
  • Die Vorteile der Kameranutzung sollten immer wieder betont werden: effektive Meetings, nonverbale Kommunikation ist auch online möglich und die Kommunikation wird insgesamt persönlicher.

Auch wenn noch Scheu vor der Kamera bei Video-Calls deutlich wird, besteht gerade nach diesem „Jahr mit Distanz“ ein Bedürfnis, den Menschen inklusive Mimik, Gestik und Körperhaltung wahrzunehmen. Wünschenswert wäre daher in Zukunft bei Video-Calls: Kamera an! 

Autor/Autorin

Sandra Schauber-Leonhardt hat International Business Management studiert. Sie arbeitete unter anderem in London und Frankfurt als Produkt und Brand Managerin. 2012 machte sie ihre Leidenschaft „Theater“ zum Beruf – sie bringt eigens verfasste Theaterstücke in Frankfurt auf die Bühne. Als Business-Schauspielerin und Coach arbeitet sie mit vor allem mit Führungskräften, aber auch mit Mitarbeitern im Außendienst und in ärztlichen Praxen. Ihre Schwerpunkte sind Kommunikation und Körpersprache. Insbesondere bei Führungskräften ist für deren Wirkkraft entscheidend, dass die Körpersprache zum gesprochenen Wort passt.

Autor: Sandra Schauber-Leonhardt

Sandra Schauber-Leonhardt hat International Business Management studiert. Sie arbeitete unter anderem in London und Frankfurt als Produkt und Brand Managerin. 2012 machte sie ihre Leidenschaft „Theater“ zum Beruf – sie bringt eigens verfasste Theaterstücke in Frankfurt auf die Bühne. Als Business-Schauspielerin und Coach arbeitet sie mit vor allem mit Führungskräften, aber auch mit Mitarbeitern im Außendienst und in ärztlichen Praxen. Ihre Schwerpunkte sind Kommunikation und Körpersprache. Insbesondere bei Führungskräften ist für deren Wirkkraft entscheidend, dass die Körpersprache zum gesprochenen Wort passt.

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