Zwischen „a Euzerl“ und „vü“*

*a Euzerl: ein Stückchen, ein wenig; vü: viel

Zwei Seiten einer Medaille

Die letzten Monate brachten viel Neues, Bedauerliches, Überraschendes und Einschneidendes; viele Veränderungen wurden erforderlich bei persönlichen Gewohnheiten, beruflichen Aktivitäten und Traditionen. Es wurden wie mit einem Scheinwerfer auch Themen ausgeleuchtet, die sehr unterschiedlich von den einen als „latent“, von anderen als „virulent“ eingestuft wurden.

Homeoffice

In der Vergangenheit war Homeoffice in Österreich eher ein Minderheitenprogramm, das von einer überschaubaren Anzahl an Arbeitnehmer*innen (für sich) und Führungskräften (für Mitarbeiter*innen) promotet wurde. Die Corona-Pandemie brachte hier eine massive (vorübergehende?) Beschleunigung.

Zwei Seiten einer Medaille: Die einen sind erfreut über diese Entwicklung, andere leiden darunter – nicht zuletzt dann, wenn Kinderbetreuung, Homeschooling, beengte Wohnsituation oder mangelhafte Ausstattung mit Internet und Technik erschwerend hinzukommen.

Die Herausforderung für Führungskräfte und Unternehmer*innen besteht darin, die unterschiedlichen Wünsche der Arbeitnehmer*innen bestmöglich mit den Anforderungen des Unternehmens in Einklang zu bringen. Wo lassen sich maßgeschneiderte Homeoffice-Lösungen für Mitarbeiter*in verwirklichen? Wie kommt das Unternehmen den Mitarbeiter*innen, die großen Wert auf einen Arbeitsplatz an einem Firmenstandort legen, entgegen? Wie können offene, ehrliche und vertrauensvolle Gespräche geführt werden, die dazu beitragen, die Interessen des jeweils anderen besser zu verstehen?

Ein weiterer Aspekt: Unternehmen müssen sich im Recruiting-Prozess beim Thema Homeoffice klar positionieren. Bewerber möchten die Rahmenbedingungen ihrer späteren Arbeit vor der Unterschrift unter einem Arbeitsvertrag genau kennen.

Großraumbüro

Der Trend ging in den letzten Jahren sehr stark in Richtung Großraumbüro. In vielen Fällen wurden neue Konzepte des sozialen Miteinanders umgesetzt: Entspannungsbereiche, ungewöhnliche Begegnungszonen, faszinierende Raumgestaltungen etc.

Zwei Seiten einer Medaille: Die einen blühen auf in dieser „neuen Welt“ und nutzen viele dieser neuen Möglichkeiten, die anderen vereinsamen in der großen Masse oder werden permanent abgelenkt durch Reizüberflutung.

Die Herausforderung für Führungskräfte besteht darin, Schlussfolgerungen aus dem Gegentrend zum Großraumbüro, dem Homeoffice, zu ziehen. Wie lassen sich für die Fans von Homeoffice auch die Vorteile eines Großraumbüros nutzen? Wo lassen sich andersherum für die Mitarbeitenden, die in Großraumbüros Schwierigkeiten haben, geeignete Büro-Kleineinheiten im Großraumbüro gestalten? Wie weit ist eine Unternehmenskultur Türöffner für den größtmöglichen Nutzen für Arbeitgeber*innen- und Arbeitnehmer*innen-Seite ohne vorfixierte Festlegungen von beiden Seiten?

Führung

Vor „Corona“ konnten Führungskräfte ihre Mitarbeiter*innen Face-to-Face führen. In den letzten Monaten verlagerte sich der Kontakt vielfach in Richtung Online-Meetings. Jetzt könnte man argumentieren, dass Online-Meeting ja auch Face-to-Face stattfinden. Und doch hat sich durch viele Gespräche und Coachings gezeigt, welch unterschiedliche Wirkungen diese „beiden Welten“ erzeugen können.

Zwei Seiten der Medaille: Die einen sehnen sich nach einem unmittelbaren Kontakt, sozusagen nach einem „Mit-allen-Sinnen-wahrnehmen-Können“, den anderen hilft die räumliche Distanz bei der Bearbeitung von inhaltlichen bzw. persönlichen Konfliktthemen.

Die Herausforderung für Führungskräfte besteht darin, durch Bildungsaktivitäten, Coaching, Mentoring und praktisches Üben im Alltag das Handlungsrepertoire für Führungskräfte und Mitarbeiter*innen zu vergrößern. Wie wird „Führung auf Distanz“ im Unternehmen integriert? Wie wird mit Misstrauen im Zusammenhang mit der Beurteilung des Engagements im Homeoffice-Modus umgegangen? Wie erleben Mitarbeiter*innen „abwesende“ Führungskräfte? Wie sehr fördert Homeoffice und Führung auf Distanz die Eigeninitiative, Selbstorganisation und Eigenverantwortung der Mitarbeiter*innen im Unternehmen?

Schlussfolgerung

Der „Scheinwerfer Corona“ bietet die große Chance, wichtige Themen des Zusammenlebens und -arbeitens in einem Unternehmen neu auszurichten und zu gestalten. Homeoffice, Großraumbüro und Führung auf Distanz wecken sowohl bei Führungskräften wie bei Mitarbeiter*innen unterschiedliche Erwartungen und Befürchtungen. Das kräftige Licht des „Scheinwerfers Corona“ ermöglicht, gut darauf zu schauen und daraus tragfähige Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Mut und die Offenheit der Führungskräfte und der Mitarbeiter*innen in nächster Zeit werden zeigen, ob „a Euzerl“ Entwicklung passiert oder „vü“ – für alle Seiten oder für die eine oder andere Seite.

Josef Waiß erreichen Sie auch direkt unter: office@jwconsulting.at

Autor/Autorin

Josef Waiß war 20 Jahre Angestellter im Personalmanagement-Bereich, die letzten 13 Jahre als Personalmanagement-Leiter zweier Unternehmen in Wien. Seit 15 Jahren ist er als Unternehmensberater und Coach selbstständig mit den Schwerpunkten Charismen/Talente, Übernahme von Führungsaufgaben, Veränderungen, Recruiting und Networking.
Neben seinen beruflichen Aufgaben engagiert er sich in Leitungsfunktionen einer christlichen Organisation (GCL) und in einem beruflichen Netzwerk von Selbstständigen. Er studierte Sozialwissenschaften in Wien.

Autor: Josef Waiß

Josef Waiß war 20 Jahre Angestellter im Personalmanagement-Bereich, die letzten 13 Jahre als Personalmanagement-Leiter zweier Unternehmen in Wien. Seit 15 Jahren ist er als Unternehmensberater und Coach selbstständig mit den Schwerpunkten Charismen/Talente, Übernahme von Führungsaufgaben, Veränderungen, Recruiting und Networking. Neben seinen beruflichen Aufgaben engagiert er sich in Leitungsfunktionen einer christlichen Organisation (GCL) und in einem beruflichen Netzwerk von Selbstständigen. Er studierte Sozialwissenschaften in Wien.

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